Kubernetes (K8s) ist kaum mehr aus der Softwareentwicklung wegzudenken. Unternehmen jeder Grösse setzen Kubernetes ein, um Deployments zu automatisieren, die Zuverlässigkeit zu steigern und plattformübergreifende Lösungen über mehrere Clouds hinweg zu betreiben. Doch was bedeutet das in der Praxis? Wir haben zwei Kubernetes-Experten gefragt: Aarno Aukia, Mitgründer des DevOps-Unternehmens VSHN, und Armin Zaugg, Head of IT-Operations bei Xelon.
Im Interview erklären Aarno und Armin, wie Kubernetes funktioniert, was die Container-Orchestrierungs-Technologie so leistungsfähig macht und welche verbreiteten Missverständnisse Schweizer Unternehmen im Zusammenhang mit Kubernetes beachten sollten.
Xelon: Wie würdet ihr Kubernetes in euren eigenen Worten beschreiben? Wie erklärt ihr den Nutzen jemandem ohne technischen Hintergrund?
Aarno Aukia: Für nicht-technische Personen beschreibe ich Kubernetes gerne als ein Betriebssystem für moderne Anwendungen. Anstatt einzelne Server manuell zu verwalten, führt Kubernetes Software automatisch über viele Maschinen hinweg aus und skaliert sie. Das hilft Unternehmen, Anwendungen schneller bereitzustellen, zuverlässig zu betreiben und eine Abhängigkeit von einzelnen Anbietern zu vermeiden.
Armin Zaugg: Eine der besten Analogien ist das Containerschiff. Stell dir Anwendungen als Frachtcontainer vor und Kubernetes als das Schiff, das sie zu den Nutzern bringt. Das ist einfach, aber sehr wirkungsvoll. Man kann die Analogie auch auf verschiedene Rollen ausweiten: Wer belädt die Container, wer steuert das Schiff und wer koordiniert alles? Es ist ein umfassendes Modell, das es schon lange gibt und das nach wie vor sehr gut funktioniert.
Wie seid ihr zu Kubernetes gekommen – und was begeistert euch heute noch daran?
Aarno: Bei mir hat es im Sommer 2015 angefangen. Ein Freund erzählte mir von dieser neuen Container-Orchestrierungs-Technologie, die gerade den Beta-Status erreicht hatte, und schlug vor, dass wir sie gemeinsam ausprobieren. Anfang 2016 haben wir APPUiO gestartet – den ersten produktiven Kubernetes-Service in der Schweiz.
Was mich damals fasziniert hat – und bis heute begeistert – ist die Automatisierung. Vor Kubernetes waren Container vor allem ein Packaging-Tool. Kubernetes hat erstmals echte Betriebsprobleme gelöst, indem Workloads automatisch verteilt und bei Ausfällen neu gestartet werden. Es ermöglicht das, was wir manchmal «Beach Operations» nennen: Die Systeme laufen von selbst, während die Menschen am Strand sind und nur bei Bedarf eingreifen.
Armin: Ich bin etwas später zu Kubernetes gekommen. Erste Berührungspunkte mit containerisierten Workloads hatte ich etwa 2016 an der Universität, aber wirklich «Klick» gemacht hat es erst ein paar Jahre später, als Kubernetes bereits etabliert war.
Was mich besonders begeistert, ist der Wechsel hin zu einem deklarativen, konfigurationsgetriebenen Ansatz. Man beschreibt über eine einfache API, was man benötigt, und die komplexe Logik läuft im Hintergrund. Dazu kommen ein riesiges Ökosystem und eine aktive Community, die kontinuierlich daran mitarbeitet. Das macht die Plattform sehr robust und praxiserprobt.
Welche Kubernetes-Projekte, an denen ihr gearbeitet habt, würdet ihr als revolutionierend bezeichnen?
Aarno: Ein Beispiel ist die Modernisierung der Legacy-Infrastruktur einer regulierten Schweizer Organisation: Health Info Net (hin.ch). Wenn du einem Schweizer Arzt eine E-Mail schreibst, läuft sie mit grosser Wahrscheinlichkeit über dieses System. Wir haben ihre manuell betriebenen Deployments auf eine standardisierte Kubernetes-Plattform migriert, inklusive Multi-Cloud- und Multi-Vendor-Komplexität. Die Resultate sprachen für sich: schnellere Release-Zyklen, weniger Ausfälle und eine massiv verbesserte Betriebseffizienz. Die Deployment-Zeiten konnten von Tagen auf Minuten reduziert werden. Darauf bin ich bis heute stolz.
Armin: Die meisten meiner Projekte waren Greenfield-Projekte und weniger klassische Transformationen bestehender Systeme. Kubernetes war zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert. Mein Fokus lag vor allem auf Platform Engineering und der Developer Experience. In diesem Bereich bietet Kubernetes deutlich bessere Tools, um Entwicklerinnen und Entwickler zu unterstützen und ihre Arbeit zu vereinfachen. Wenn Teams diese Verbesserungen direkt erleben, ist die Wertschätzung sofort da.
Welche Arten von Unternehmen in der Schweiz nutzen heute typischerweise Kubernetes?
Aarno: Grundsätzlich prüft heute fast jedes Unternehmen, das mehr als nur eine Handvoll Software-Workloads betreibt, früher oder später den Einsatz von Kubernetes. Dazu gehören SaaS-Anbieter, Entwicklungsagenturen und Unternehmen, die interne Plattformen aufbauen. Besonders stark ist die Verbreitung in Bereichen wie Fintech, Gesundheitswesen, öffentlicher Sektor und Industrie – also überall dort, wo Zuverlässigkeit, Compliance und Skalierbarkeit entscheidend sind. Besonders relevant ist Kubernetes zudem für APIs, Datenplattformen und KI-Workloads.
Armin: Und selbst sehr kleine Unternehmen können indirekt davon profitieren. Es gibt mittlerweile höher abstrahierte Services, die Kubernetes im Hintergrund nutzen, sodass man die Control Plane nicht selbst betreiben muss. Man liefert einfach seinen Container aus – und er läuft. Das ist ein sehr komfortabler Einstiegspunkt für kleinere Projekte.
Unter welchen Umständen kann Kubernetes am meisten bewirken?
Aarno: Transformativ wird Kubernetes, sobald ein Unternehmen mehr als nur eine einzelne Anwendung betreibt – sagen wir drei oder mehr Instanzen über verschiedene Umgebungen oder Kunden hinweg. Ab diesem Punkt überwiegen die Vorteile der Plattform den initialen Aufwand. Noch mehr Potenzial entfaltet sich, wenn Unternehmen eine Plattformstrategie verfolgen und eine zentrale Plattform für viele Anwendungen nutzen. Dann kommen die Stärken des Ökosystems, der Automatisierung und der Skalierbarkeit voll zum Tragen.
Armin: Skalierbarkeit ist definitiv der wichtigste Faktor. Kubernetes kann enorm gut skalieren. Genauso entscheidend ist aber die Erweiterbarkeit. Mit dem sogenannten Operator-Pattern lässt sich Kubernetes so erweitern, dass praktisch alles damit verwaltet werden kann – von Datenbanken bis hin zu Messaging-Systemen.
Aarno: Genau. Am Ende hat man eine einheitliche, erweiterbare Plattform, die viele unterschiedliche Anwendungsfälle abdeckt- und dies bei gleichzeitig konsistentem Betriebsmodell.
Mit welchen Hürden sind Unternehmen konfrontiert, wenn sie Kubernetes erstmals einführen?
Aarno: Der grösste Fehler ist, Kubernetes einfach als weiteres Tool zu betrachten, statt als grundlegende Transformation der Plattform. Viele Organisationen unterschätzen den kulturellen und operativen Wandel, der damit einhergeht. Wenn Teams Kubernetes ohne saubere Platform-Engineering-Praktiken einführen, entsteht schnell zusätzliche Komplexität, ohne dass man von Governance und Automatisierung wirklich profitiert. Dann läuft es oft schief.
Armin: Ich beobachte das gleiche Muster. Die Lernkurve ist steil, vor allem kulturell. Schulungen und Befähigung der Teams sind entscheidend. Spannend ist, dass ich schon oft erlebt habe, wie Teams anfangs sehr skeptisch sind und sich später zu echten Befürwortern entwickeln, sobald sie das Modell verstehen.
Welche Rolle spielt die IT-Infrastruktur bei der Einführung von Kubernetes?
Aarno: Eine grundlegende. Kubernetes stellt nicht die zugrunde liegende Infrastruktur bereit, sondern verwaltet «nur» die Anwendungen darauf. Es sorgt nicht automatisch für Sicherheit oder Stabilität in deiner Umgebung. Dafür braucht es eine solide Basis und eine saubere Integration. Viele Unternehmen entscheiden sich deshalb für Managed-Kubernetes-Angebote oder externe Anbieter, um sich auf ihre eigentlichen Geschäftsprobleme konzentrieren zu können. Diese Schichtung von Abstraktionsebenen ist entscheidend für die Skalierung. Nicht jedes Unternehmen muss jede Schicht selbst aufbauen.
Armin: Und wenn die darunterliegenden Schichten nicht stabil sind, wird das Troubleshooting sehr schwierig. Netzwerkprobleme unterhalb von Kubernetes lassen sich auf Plattformebene oft nur schwer diagnostizieren. Man muss sich auf die darunterliegenden Ebenen verlassen können.
Wie wird sich Kubernetes in den kommenden Jahren weiterentwickeln?
Aarno: Ich denke, Kubernetes selbst wird für Entwicklerinnen und Entwickler immer weniger sichtbar. Die Branche arbeitet intensiv daran, die Komplexität zu reduzieren und die Benutzerfreundlichkeit zu verbessern. Developer müssen nicht jedes Detail unter der Haube verstehen, genauso wenig wie Autofahrer die Thermodynamik ihres Motors kennen müssen. Gleichzeitig entstehen laufend neue Anwendungsfälle, etwa im Bereich KI, Edge Computing oder Serverless. Diese bauen Rolle von Kubernetes weiter aus und zwar meist, indem sie im Hintergrund zusätzliche Komplexität hinzufügen.
Armin: Wenn man sich das Ökosystem der Cloud Native Computing Foundation anschaut, wird die Weiterentwicklung stark von den Bedürfnissen grosser Akteure geprägt, die Kubernetes im grossen Stil einsetzen. In spezifischen Fokusgruppen werden regelmässig Roadmaps abgestimmt. Wenn eine Funktion gebraucht wird und sinnvoll ins Kubernetes-Ökosystem passt, wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch umgesetzt. Die Richtung orientiert sich klar an den Anforderungen aus der Praxis.
Die Nachfrage nach Open-Source-Lösungen wächst stetig. Woran liegt das?
Aarno: Ein zentraler Faktor ist die digitale Souveränität. Organisationen wollen die Kontrolle über ihre Daten und ihre Tools behalten. Offene Standards reduzieren die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und erhöhen die Portabilität. Ein weiterer Punkt ist das Geschäftsmodell: Open-Source-Software lässt sich oft kostenlos ausprobieren, was die Einstiegshürde deutlich senkt. Bei Bedarf können Unternehmen später für Support oder zusätzliche Services bezahlen. Und nicht zuletzt bietet Open Source Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Diese Aspekte werden im Kontext der Sicherheit von Software-Lieferketten immer wichtiger.
Armin: Es ist zudem ein sich selbst verstärkendes System. Man kann auch ohne grosse Anfangsinvestitionen ein Geschäftsmodell rund um Open Source aufbauen. Unternehmen sowie Entwicklerinnen und Entwickler tragen zum Projekt bei, das Ökosystem wird besser und alle profitieren davon. Diese Dynamik beschleunigt die Innovation.
Warum sollten sich Kubernetes-Nutzerinnen und -Nutzer in der Schweiz aktiv in der Community engagieren?
Aarno: Wenn man auf eine Technologie setzt, ist es nur sinnvoll, sich auch einzubringen. Teams stossen früher oder später auf Bugs oder neue Anwendungsfälle. Wenn man diese behebt, profitieren alle – inklusive des eigenen Unternehmens. Für Firmen wie unsere ist das zudem ein echter Talentmagnet: Entwickler wollen an Open Source arbeiten. Das stärkt die Arbeitgebermarke und passt gut zu unseren Werten wie Transparenz und Zusammenarbeit.
Armin: Und manchmal bleibt einem gar nichts anderes übrig, als selbst beizutragen. Wenn man auf ein sehr spezifisches Problem stösst und es dafür noch keine Lösung gibt, kann man entweder selbst etwas bauen oder unbestimmt lange warten. Eigene Fixes nur intern zu halten, führt oft zu zusätzlichem Wartungsaufwand. Beiträge an die Community zahlen sich in der Regel aus.
Welchen Ratschlag würdet ihr jemandem geben, der heute mit Kubernetes startet?
Aarno: Konzentriere dich weniger darauf, einzelne Commands auswendig zu lernen, und mehr darauf, die grundlegenden Cloud-Native-Prinzipien zu verstehen: Automatisierung, GitOps, Observability und Security-Grundlagen. Zu verstehen, warum Plattformen so aufgebaut sind, wie sie sind, ist viel wertvoller, als YAML-Syntax auswendig zu können.
Armin: Wenn du es ernst meinst, versuche in einem Unternehmen zu arbeiten, das Kubernetes bereits einsetzt. Praktische Erfahrung ist extrem wertvoll. Alternativ kannst du selbst experimentieren oder an Community-Events teilnehmen – auch kleinere Konferenzen können sehr hilfreich sein.
Gibt es typische Kubernetes-Missverständnisse, mit denen ihr aufräumen möchtet?
Armin: Gerade im Management sieht man eine Falschannahme häufig: Kubernetes löst nicht automatisch alle Probleme. Es ist nur ein Baustein in einer grösseren Architektur und Organisation.
Aarno: Ich würde ergänzen, dass Kubernetes die Komplexität nicht einfach reduziert. Es verlagert sie in Richtung Automatisierung und Plattformdesign. Wenn es gut umgesetzt ist, wird der Betrieb tatsächlich einfacher. Ohne klare Architektur kann es aber schnell überwältigend werden. Und ganz wichtig: Kubernetes ist kein Selbstzweck. Es ist lediglich eine Plattform, um andere Software zu betreiben. Ohne ein klares Ziel und konkrete Workloads bringt der Einsatz von Kubernetes keinen echten Mehrwert.