Die Diskussion um digitale Souveränität und technologische Abhängigkeiten ist aktueller denn je. swiss made software setzt sich dafür ein, Schweizer Softwareunternehmen sichtbarer zu machen. Wir haben mit Christian Walter, Managing Partner bei swiss made software, über digitale Souveränität und die Herausforderungen für die Schweizer IT-Branche gesprochen.
Wie haben sich die Mitgliederzahlen von swiss made software in den letzten Jahren entwickelt? Wie erklärt ihr euch diese Entwicklung?
Christian Walter: Wir sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Im Durchschnitt kamen rund 100 Unternehmen pro Jahr dazu. Im vergangenen Jahr hatten wir ein Rekordwachstum von rund 200 neuen Mitgliedern. Heute zählen wir etwa 1500 Unternehmen aus der ganzen Schweiz zu unserer Community. Uns freut besonders, dass wir in allen Sprachregionen vertreten sind. Das ist im Schweizer IT-Umfeld eher ungewöhnlich, da viele Organisationen regional ausgerichtet sind.
Welche Vorteile hat eine Mitgliedschaft bei swiss made software?
Der wichtigste Vorteil ist die Nutzung unserer Labels für Marketing und Kommunikation. Unternehmen können damit zeigen, dass ihre Produkte oder Dienstleistungen zu einem wesentlichen Teil in der Schweiz entwickelt werden. Gerade im Kontext der digitalen Souveränität ist dieser Herkunftsnachweis deutlich wertvoller geworden. Wir bieten drei Labels an: swiss made software für Produkte, swiss digital services für Dienstleistungen und swiss hosting für Hosting- und SaaS-Angebote. Damit können Unternehmen ihre Schweizer Wertschöpfung transparent ausweisen.
Warum ist es heute besonders wichtig, auf Schweizer Softwarelösungen zu setzen?
Wir beobachten, dass Schweizer Unternehmen zunehmend darauf achten, mit wem sie zusammenarbeiten. Fragen wie «Wer geht ans Telefon?», «Wo sitzen die Mitarbeitenden?» oder «Wo werden meine Daten verarbeitet?» gewinnen an Bedeutung. Die aktuelle geopolitische Situation hat dieses Bewusstsein zusätzlich geschärft. Die Herkunft einer Tech-Lösung ist für viele Unternehmen heute nicht mehr nur eine Marketingbotschaft, sondern Teil ihres Risikomanagements. Unsere Labels helfen dabei, Transparenz zu schaffen und Schweizer Alternativen zu globalen Tech-Konzernen sichtbar zu machen.
Was versteht ihr unter digitaler Souveränität?
Für uns bedeutet digitale Souveränität nicht völlige Unabhängigkeit, weil dies unrealistisch ist. Wir produzieren in der Schweiz beispielsweise keine eigenen Chips und sind bei vielen Technologien auf internationale Lieferketten angewiesen. Entscheidend ist vielmehr eine kritische digitale Souveränität. Unternehmen müssen sich fragen, welche Systeme für ihren Geschäftsbetrieb unverzichtbar sind, und welche Risiken entstehen, wenn sie von einzelnen Anbietern oder Ländern abhängig werden.
Gibt es eurer Meinung nach also Grenzen der digitalen Souveränität in einer global vernetzten Welt?
Ja, definitiv. Man muss nicht alles selbst machen. Vielmehr geht es darum, bewusst zu definieren, welche Bereiche strategisch wichtig sind und welche Leistungen man von internationalen Partnern beziehen kann. Diese Zusammenarbeit wird auch künftig notwendig bleiben. Gleichzeitig sollte man sich bei geschäftskritischen Systemen überlegen, welche Risiken durch politische oder wirtschaftliche Entwicklungen entstehen können. Genau dort gewinnt digitale Souveränität an Bedeutung.
Wie trägt swiss made software zur digitalen Souveränität der Schweiz bei?
Unsere drei Labels können als Bausteine digitaler Souveränität verstanden werden. Sie schaffen Transparenz darüber, wo Produkte entwickelt werden, wo Dienstleistungen erbracht werden und wo Daten gespeichert sind. Damit ermöglichen wir Unternehmen und Organisationen fundierte Entscheidungen darüber, welche Abhängigkeiten sie eingehen möchten und wo sie bewusst auf Schweizer Anbieter setzen wollen.
Wie macht ihr Schweizer Unternehmen sichtbarer?
Einerseits profitieren Mitglieder von der Bekanntheit unserer Labels und der Zugehörigkeit zum Netzwerk swiss made software. Andererseits bieten wir auf unserer Plattform umfangreiche Präsentationsmöglichkeiten: Unternehmen können Produkte und Dienstleistungen erfassen, kategorisieren und mit Schlagworten versehen. Daraus entstehen Landing Pages, die in Suchmaschinen sehr gut ranken und zusätzliche Sichtbarkeit generieren. Besonders erfolgreich sind unsere «Schweizer Alternativen». Dort können sich Schweizer Unternehmen als Alternative zu internationalen Anbietern wie Dropbox, SAP oder Azure positionieren. Gerade im Zusammenhang mit digitaler Souveränität stösst dieses Angebot auf grosses Interesse.
Wie funktionieren eure Labels in der Praxis? Wie stellt ihr sicher, dass die Kriterien eingehalten werden?
Jedes Unternehmen durchläuft einen manuellen Prüfungsprozess. Die Labels werden nicht automatisch vergeben. Neben einer formellen Überprüfung gehört dazu auch ein persönliches Aufnahmegespräch. Dabei prüfen wir unter anderem, wo die Entwicklung stattfindet und welche Personen direkt am Produkt arbeiten. Grundlage für swiss made software und swiss digital services ist der sogenannte Swissness-Paragraf. Mindestens 60 Prozent der relevanten Entwicklungskosten müssen in der Schweiz anfallen. Im Fokus stehen dabei die Mitarbeitenden, die direkt an der Entwicklung der Softwarelösung beteiligt sind. Bereiche wie Marketing oder Vertrieb spielen bei der Evaluierung keine Rolle.
Wo seht ihr aktuell die grössten Herausforderungen für Schweizer Softwareunternehmen?
Geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Entwicklungen und die rasante Dynamik rund um Künstliche Intelligenz (KI) erschweren langfristige Planungen. Bei KI sehen wir aktuell einen enormen Hype. Welche Auswirkungen die Technologie langfristig auf die Softwareentwicklung haben wird, lässt sich heute noch schwer abschätzen. Umso wichtiger ist es, Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, ohne in Panik oder voreiligen Aktionismus zu verfallen.
Wie unterstützt ihr den Austausch und die Zusammenarbeit innerhalb der Community?
Wir fördern den Austausch über unsere Plattform, über Veranstaltungen wie das 2026 zum zweiten Mal stattfindende Swiss Software Festival und durch den direkten Kontakt mit unseren Mitgliedern. Besonders wichtig sind für uns die persönlichen Aufnahmegespräche. Dort erfahren wir aus erster Hand, welche Herausforderungen Unternehmen beschäftigen und welche Bedürfnisse sie haben. Viele neue Initiativen entstehen direkt aus diesen Gesprächen. Unser Ziel ist es, den Unternehmen zuzuhören und daraus konkrete Mehrwerte für die Community zu schaffen.
Event-Tipp: Beim Swiss Software Festival vom 24. Juni 2026 kommen Softwareunternehmen und Tech-Enthusiasten zusammen, um das Wachstum der Schweizer Softwareindustrie zu zelebrieren.