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Cloud-Native-Vorreiterin: «Souveränität ist ein Spektrum»

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Lena Fuhrimann:  «Souveränität ist ein Spektrum»

Author: Stephanie Sigrist

Category: Cloud / Tech-Trends / Datensouveränität

Oktober 23, 2026

Cloud Native ist mehr als eine Frage der Technologie. Der Ansatz verändert auch, wie Teams zusammenarbeiten, Software entwickeln und Verantwortung für deren Betrieb übernehmen. Doch was bedeutet das in der Praxis? Welchen Herausforderungen begegnen Schweizer Unternehmen auf dem Weg Richtung Cloud Native? Und welche Rolle spielt Datensouveränität bei einer Cloud-Native-Strategie? Darüber haben wir mit Lena Fuhrimann, Mitgründerin des Cloud-Beratungsunternehmens bespinian und Vorreiterin der Schweizer Cloud-Native-Bewegung, gesprochen.

Wie würdest du Cloud Native jemandem ohne technischen Hintergrund erklären?

Lena Fuhrimann: Viele Unternehmen betreiben ihre Software auf eigenen Servern. Diese Hardware ist oft nicht voll ausgelastet, muss aber trotzdem gewartet und betreut werden. Deshalb kann es sinnvoll sein, Anwendungen in der Cloud zu betreiben und die benötigten Ressourcen flexibel zu nutzen. Cloud Native bedeutet, Software von Anfang an so zu entwickeln, dass sie die Möglichkeiten der Cloud optimal nutzt.

Ein wichtiger Bestandteil ist, jederzeit nachvollziehen zu können, wie es einer Anwendung geht: Läuft sie zuverlässig? Wo entstehen Engpässe? Treten Fehler auf? Diese Transparenz hilft Teams, Probleme frühzeitig zu erkennen und schneller darauf zu reagieren. Das Ziel ist, Software in der Cloud effizient und zuverlässig zu betreiben und kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Ab wann wird Cloud Native für ein Unternehmen wirklich transformativ? Gibt es einen entscheidenden Wendepunkt?

Cloud Native wird dann transformativ, wenn der Ansatz in der Unternehmenskultur angekommen ist. Die technische Seite lässt sich relativ klar beschreiben: Ich kann eine Anwendung so anpassen, dass sie die Möglichkeiten der Cloud effizient nutzt. Der entscheidende Wandel entsteht aber erst, wenn die Teams diese Arbeitsweise verinnerlichen. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sie neue Anwendungen von sich aus nach Cloud-Native-Prinzipien entwickeln. Dies geschieht, weil sie die Vorteile von Cloud Native erkennen und das Wissen sowie die Erfahrung mitbringen, um ihre Anwendungen entsprechend zu entwickeln und zu betreiben.

Wie bei vielen Veränderungen ist also die Kultur ausschlaggebend. Es ist verlockend, sich auf die Technik zu konzentrieren: Man führt ein paar Tools ein und kann einen Punkt auf der Checkliste abhaken. Die menschliche und kulturelle Seite ist weniger greifbar. Für eine nachhaltige Veränderung ist sie aber entscheidend.

Du hast 2019 bespinian mitgegründet und seither mit deinem Team über 100 Kundenprojekte im Cloud-Native-Bereich realisiert. Welche Fehler oder Missverständnisse begegnen dir in Schweizer Unternehmen besonders häufig – kulturell wie technisch?

Es gibt beides. Die grösste Herausforderung ist aus meiner Sicht aber der menschliche Faktor. Veränderungen in der Denkweise und in der Zusammenarbeit brauchen in der Regel deutlich mehr Zeit und Begleitung als technische Anpassungen. Wenn Menschen zum ersten Mal mit Cloud Native in Berührung kommen, löst das manchmal Unsicherheit oder Angst vor Veränderung aus. Verständlicherweise versuchen viele zunächst, ihre Erfahrungen und Arbeitsweisen aus der klassischen IT eins zu eins zu übertragen.

Mir ist es wichtig, den Teammitgliedern in den von uns begleiteten Unternehmen konkrete Perspektiven aufzuzeigen: Wie verändert sich ihre Rolle? Welche Aufgaben können sie automatisieren? Und wofür gewinnen sie dadurch Zeit? Wer weniger Routinearbeiten – die den meisten Menschen nicht mega Spass machen – von Hand erledigen muss, kann sich anderen Aufgaben widmen und neue Fähigkeiten entwickeln. Das eröffnet auch persönlich neue berufliche Möglichkeiten. Entscheidend ist, diese Vorteile sichtbar zu machen. Wenn die Teammitglieder den Nutzen erkennen und die Veränderung mittragen, schafft das die Grundlage für die technische Umsetzung. Dafür braucht es weiterhin Erfahrung und passende Tools. Ansetzen würde ich aber immer zuerst bei den Menschen und der Kultur.

Die Community spielt da auch eine wichtige Rolle. Wie bist du zur Cloud-Native-Community gestossen, und was motiviert dich, sie aktiv mitzugestalten?

Die Cloud-Native-Community und die IT-Community insgesamt erlebe ich in der Schweiz, aber auch anderswo, als unglaublich herzlich und offen. Man kommt dazu und ist sofort mitten in einem spannenden Gespräch. Die Menschen begeistern sich für das, was sie tun, und sind teilweise ziemlich nerdig – was ich sehr schätze. Man fühlt sich von Anfang an aufgenommen. Das hat mich beeindruckt und mir den Einstieg leicht gemacht. Die Leute interessieren sich nicht nur dafür, was man beruflich macht, sondern auch für einen als Menschen. Diese Wärme finde ich besonders schön.

Deshalb engagiere ich mich so gerne in der Community, organisiere Events und halte Vorträge. Dass dieses Engagement auch eine Marketingfunktion für uns hat, will ich gar nicht verschweigen. Es ist wichtige Öffentlichkeitsarbeit für unser Unternehmen und unsere Produkte. Aber es ist eine Arbeit, die mir viel Freude macht und sich ganz natürlich ergibt, weil die Community so offen und herzlich ist.

Wie hat sich die Cloud-Native-Community deiner Meinung nach in den letzten Jahren entwickelt?

Auch hier sehe ich eine technische und eine menschliche Seite. Technisch hat sich vieles in Richtung KI verschoben. Cloud Native bleibt wichtig, aber KI spielt inzwischen auch dort eine grosse Rolle: etwa bei der Frage, wie sich Software effizienter überarbeiten lässt oder wie KI dabei helfen kann, den Zustand und das Verhalten von Anwendungen besser zu verstehen.

Diese neuen Themen bringen die Community einerseits noch näher zusammen. Sie liefern Gesprächsstoff, fördern den Austausch und sorgen dafür, dass man sich immer besser kennenlernt. Andererseits sehe ich in der gesamten IT eine Herausforderung: Es kommen in immer kürzeren Abständen neue Technologien und Themen hinzu. Wer in der IT arbeitet, lernt in der Regel gerne Neues und weiss, dass Veränderung zum Beruf gehört. Mit KI hat das Tempo aber nochmals stark zugenommen.

Bei manchen löst das ein Gefühl der Ohnmacht aus: Man möchte sich mit den Entwicklungen beschäftigen, hat aber schlicht nicht die Kapazität, überall mitzuhalten. Das nehme ich auch in Gesprächen an Events wahr. Neben der Begeisterung für neue Möglichkeiten beschäftigt die Menschen zunehmend die Frage, wie sie mit dieser Geschwindigkeit umgehen können.

Welche Herausforderungen sollte die Community in den nächsten zwei Jahren gemeinsam angehen? Wie können sich die Mitglieder gegenseitig unterstützen?

Der Umgang mit dem hohen Tempo der technologischen Entwicklung wird sicher dazugehören. Niemand kann sich jeden Tag mit jeder neuen Technologie beschäftigen, schon gar nicht in der Tiefe. Hier liegt eine grosse Stärke der Community: Wir können unser Wissen zusammentragen. Einzelne Mitglieder beschäftigen sich intensiv mit den Entwicklungen in ihrem Spezialgebiet und teilen ihre Erkenntnisse an Events. So kann ich beispielsweise vorstellen, welche Technologien in meinem Bereich besonders relevant sind und wie ich sie einschätze. Andere bringen ihre Perspektiven und Erfahrungen ein. Dadurch entsteht eine Art gemeinsamer Filter und nicht alle müssen alles verfolgen, um über wichtige Entwicklungen informiert zu bleiben.

Genauso wichtig ist die gegenseitige Unterstützung auf persönlicher Ebene. Der Austausch mit Menschen, die im selben Boot sitzen, tut gut. Sie verstehen, warum mich etwas beschäftigt oder frustriert, oder können sich mit mir für etwas begeistern. Mir persönlich gibt dieser Kontakt zur Community sehr viel.

Du bist sowohl bei GovTech-Anlässen als auch bei klassischen Entwicklerkonferenzen auf der Bühne gestanden. Welche Unterschiede beobachtest du bei der Einführung neuer Technologien im öffentlichen Sektor und in der Privatwirtschaft?

Mein Eindruck ist, dass die grundlegenden Herausforderungen sehr ähnlich sind, gerade bei der Einführung von KI. Fragen der Governance beschäftigen öffentliche Institutionen genauso wie Privatunternehmen. Wie komplex sie werden, hängt auch stark von der Grösse der Organisation ab. Kleinere Unternehmen können vielfach agiler handeln und schneller auf Veränderungen reagieren. In grösseren Organisationen braucht es meist mehr Abstimmung: Zuerst muss eine Strategie stehen, dann gilt es, Richtlinien zu definieren und umzusetzen. Erst danach kommen die passenden Tools. Das kann es schwieriger machen, neue Ansätze unkompliziert auszuprobieren. Öffentliche Institutionen stehen dabei nochmals vor eigenen Herausforderungen. Die Unterschiede liegen aus meiner Sicht deshalb weniger in den grundlegenden Fragen als in den Rahmenbedingungen und darin, wie man damit umgeht.

An den erwähnten Veranstaltungen begegne ich übrigens immer wieder denselben Menschen. Auch das zeichnet die Schweizer IT- und Cloud-Native-Community aus: Man kennt sich, tauscht Erfahrungen aus und weiss, wo bei den anderen der Schuh drückt.

Ein mittelgrosses Schweizer Unternehmen möchte den Schritt zu Cloud Native angehen und bittet dich um Unterstützung. Was rätst du ihm für die ersten drei Monate?

Ich würde immer bei der Frage anfangen, welche Probleme ein Unternehmen mit Cloud Native lösen möchte. Warum will es diesen Weg gehen? Cloud Native ist auch ein Buzzword. Den Ansatz nur zu verfolgen, weil alle darüber sprechen, bringt wenig. Deshalb müssen wir zuerst die Ausgangslage verstehen, sowohl ich als externe Beraterin als auch die Teams selbst. Wo liegen die konkreten Herausforderungen? Was soll sich verbessern? Daraus lassen sich ein klares Ziel und eine Strategie mit den einzelnen Schritten ableiten. Erst danach geht es darum, welche Zielplattform und welche Technologien dafür geeignet sind.

Da muss ich mich auch selbst immer wieder an der Nase nehmen: Als technisch begeisterter Mensch möchte man am liebsten sofort eine Lösung entwickeln und den passenden Tech-Stack auswählen. Der wichtigste Schritt kommt aber davor: zu klären, warum man in Richtung Cloud Native gehen möchte und welche Probleme man damit tatsächlich lösen will.

Welche Rolle spielt Datensouveränität bei der Planung einer Cloud-Native-Strategie?

Souveränität wird oft zu stark vereinfacht betrachtet: Sind wir souverän oder nicht? Für die meisten Unternehmen lässt sich diese Frage aber nicht pauschal beantworten. Zuerst braucht es eine Einordnung: Welche Daten haben wir? Welche Anforderungen gelten dafür? Wo dürfen sie verarbeitet werden? Und wie schnell müssen wir bei Bedarf den Cloud-Anbieter wechseln können? Unternehmen sollten die Aspekte identifizieren, die für sie relevant sind – aufgrund ihrer eigenen Ziele oder konkreter Vorschriften – und diese im Detail betrachten. Wer einfach «vollständig souverän» sein möchte, läuft Gefahr, sich zu verzetteln.

Aus meiner Sicht lässt sich vollständige Unabhängigkeit kaum erreichen. Auch wer eine eigene Cloud oder einen Kubernetes-Cluster im eigenen Haus betreibt, bleibt beispielsweise von Hardwarelieferanten abhängig, die möglicherweise im Ausland sitzen. Souveränität ist deshalb ein Spektrum. Entscheidend ist, bewusst festzulegen, welche Daten wohin dürfen, welche Abhängigkeiten man akzeptieren kann und wo man mehr Kontrolle braucht. Dazu gehört auch die Frage, wie viel Zeit und Geld ein Unternehmen dafür einsetzen kann und will.

Viele Unternehmen haben das Gefühl, sich zwischen den KI-Möglichkeiten von Big Tech und der Kontrolle über ihre Daten entscheiden zu müssen. Ist das tatsächlich ein Widerspruch?

Für mich ist das kein Entweder-oder. Das knüpft an die Frage der Souveränität an. Unternehmen haben unterschiedliche Anwendungsfälle, für die unterschiedliche Modelle geeignet sind. Nicht jede Aufgabe braucht eines der leistungsfähigsten Modelle der grossen KI-Anbieter. Umgekehrt ist auch ein lokal betriebenes Sprachmodell nicht für jede Aufgabe die beste Wahl. Sinnvoll ist deshalb eine Plattform, über die sich verschiedene KI-Anbieter und Modelle zentral nutzen und verwalten lassen. Dort sollten auch die Regeln für ihren Einsatz und die Kosten zusammenlaufen. So kann ein Unternehmen für jeden Anwendungsfall entscheiden: Nutzen wir ein Modell eines internationalen Anbieters, einen Schweizer Anbieter oder ein Modell, das wir selbst betreiben?

Damit lassen sich Leistungsfähigkeit, Datenkontrolle und Kosten je nach Aufgabe abwägen. Man setzt dort ein leistungsstarkes Modell ein, wo es einen Mehrwert bietet, und wählt für andere Aufgaben eine günstigere oder lokal betriebene Lösung. Das halte ich langfristig für sinnvoller, als sich pauschal zwischen einem einzigen KI-Anbieter und dem vollständigen Eigenbetrieb zu entscheiden. Dazwischen gibt es viele Möglichkeiten, die Vorteile beider Ansätze zu verbinden und gewissermassen «den Füfer und s’Weggli» zu haben.

Wie realistisch ist es, KI-Workloads in der Schweiz souverän zu betreiben, und wo liegen die Grenzen?

Die Grenzen liegen häufig bei den Kosten und der Verfügbarkeit geeigneter Hardware. Wer KI selbst betreiben möchte, muss sich fragen: Bekommen wir die benötigte Hardware überhaupt, und können wir sie uns leisten? Schwankende Preise erschweren die Planung zusätzlich. Dazu kommen das Wissen und die Erfahrung, die der Betrieb erfordert. Umso wichtiger ist es, sich technisch möglichst viele Optionen offenzuhalten. Ein zentraler Zugang zu verschiedenen KI-Anbietern und Modellen, der auf offenen Standards und Schnittstellen basiert, kann helfen, Abhängigkeiten zu reduzieren und spätere Wechsel zu erleichtern.

Ein Unternehmen kann beispielsweise zunächst einen Schweizer Anbieter nutzen, der KI-Modelle betreibt und für Anfragen bereitstellt. Zeigt sich später, dass ein bestimmter Anwendungsfall mehr Kontrolle erfordert oder eigene Hardware wirtschaftlich sinnvoll wird, lässt sich der Eigenbetrieb gezielt prüfen. Offene Standards machen einen solchen Wechsel nicht automatisch einfach, schaffen aber eine wichtige Voraussetzung dafür. Man muss sich also nicht von Anfang an auf eine einzige Betriebsform festlegen. Stattdessen kann man mit einer passenden Lösung starten und sie weiterentwickeln, wenn sich die Anforderungen, die eigenen Fähigkeiten oder die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern.

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